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Falsches Selbst
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Falsches Selbst (auch Das falsche Selbst) ist die Benennung fĂŒr ein psychoanalytisches Konzept der Persönlichkeitstheorie, das von dem britischen Psychoanalytiker und Kinderarzt Donald Winnicott (1896â1971) entwickelt wurde. Winnicott war SchĂŒler von Melanie Klein und prĂ€gte in der psychoanalytischen Community 1960 diese begriffliche Einheit, die ĂŒber populĂ€rwissenschaftliche Veröffentlichungen auch jenseits von Fachkreisen bekannt wurde. Dem falschen Selbst stellte Winnicott das wahre Selbst gegenĂŒber. Das falsche Selbst ist per se nicht mit Krankheit assoziiert. Es ermöglicht gesunden Menschen ein normangepasstes Verhalten, kann aber AusprĂ€gungen haben, die auf psychische Störung verweisen.
Contents
âą Definition
âą Das wahre Selbst
âą Rezeption
⹠VorlÀufer
âą Erweiterungen
âą Beispiele
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Definition
Im Dorsch, einem Lexikon der Psychologie, wird das Begriffspaar in Anlehnung an Winnicott und ihn zitierend definiert als âeine innerpsych. Konstellation defensiver Natur mit dem Ziel, âčdas wahre Selbst zu verbergen und zu beschĂŒtzen, was immer dieses auch sein magâșâ.cite-ref-dorsch-1-0[1] Im Laufe seiner frĂŒhkindlichen Entwicklung verliere das Kind seine SpontaneitĂ€t und ersetze sie durch eine erhöhte Anpassungsbereitschaft, wenn die Mutter laut Winnicott ânicht gut genugâ sei, âdem SĂ€ugling dabei zu helfen, ĂŒber dessen Omnipotenzfantasien sein schwaches Ich zu stĂ€rkenâ und auf diese Weise sein âwahres Selbstâ zu entwickeln.
Winnicott und das falsche Selbst
Das Konzept des falschen Selbst beruht im VerstÀndnis von Winnicott auf Compliance. Das falsche Selbst diene der Abwehr zum Schutz des wahren Selbst.cite-ref-winnicott-132-2-0[2]
Seine 1960 veröffentlichte Schrift Ego Distortion in Terms of True and False Self leitet Winnicott mit dem Hinweis ein, das Konzept eines falschen Selbst berge die Idee eines wahren Selbst.cite-ref-winnicott-3-0[3] Das Konzept an sich sei, so Winnicott weiter, nicht neu, weil es zuvor in der deskriptiven Psychiatrie, in manchen Religionen und Philosophien entwickelt wurde.cite-ref-winnicott-139-4-0[4] Die Psychoanalyse stĂŒnde vor der Aufgabe, Antworten zu finden auf die Fragen, wie ein falsches Selbst entstehe, welche Funktion es im innerseelischen Gleichgewicht habe, warum manche Menschen kein falsches Selbst entwickeln und ob sich bei ihnen Ăquivalente herausgebildet haben. Nicht zuletzt gehe es um die Frage, was man ein âwahres Selbstâ nennen könnte.cite-ref-winnicott-139-4-1[4]
In seiner Arbeit als Kinderarzt habe Winnicott Erfahrungen mit MĂŒttern und ihren Kindern sammeln können und als Analytiker gewann er bei der Behandlung von Borderline-Patienten zusĂ€tzliche Erkenntnisse, die, einander ergĂ€nzend und sich wechselseitig beeinflussend, ihm bei der Entwicklung seines Konzepts vom falschen Selbst zu einem vertieften VerstĂ€ndnis verhalfen.cite-ref-winnicott-139-140-5-0[5]
Winnicott sieht sich mit seiner Zweiteilung des Selbst in der Tradition von Sigmund Freud, der einen inneren, von den Instinkten geleiteten Kern von einem nach auĂen gewandten und mit der Welt verbundenen Teil unterschieden habe.cite-ref-winnicott-139-2-6-0[6]
Anhand der Behandlungsgeschichte einer Patientin zeigt Winnicott die Funktion des falschen Selbst auf, die darin bestehe, das wahre Selbst gegen Angriffe von innen und auĂen zu schĂŒtzen.cite-ref-winnicott-141-7-0[7] Dabei erscheine dem GegenĂŒber das falsche Selbst als die Wirklichkeit einer Person. TatsĂ€chlich aber bleibe das wahre Selbst hinter dem falschen verborgen, wenn gezeigt wird, was erwartet werde und das sei nicht alles, was den Menschen ausmache. Auf diese Weise ist das Bild, das jemand mit einem falschen Selbst von sich zeigt, das Ergebnis einer erhöhten Anpassungsbereitschaft.
Nur das wahre Selbst könne sich authentisch (ârealâ) fĂŒhlen, dĂŒrfe nie nachgeben und nicht von auĂen beeinflusst werden. Ein ausgewogenes VerhĂ€ltnis von wahrem und falschem Selbst und das Wissen um den Unterschied von Selbstbild und Wirklichkeit schĂŒtzt das Individuum und sein wahres Selbst. Doch wenn ein Mensch sein falsches Selbst irrtĂŒmlich fĂŒr wahr hielte, wĂŒrden sich mit der Zeit zunehmend GefĂŒhle von Sinnlosigkeit und Verzweiflung einstellen, die im extremen Fall in einen Selbstmord mĂŒnden können. Der wĂŒrde dann als letzter, verzweifelter Versuch der Selbstbehauptung dienen.cite-ref-winnicott-132-2-1[2]
Da eine psychoanalytische Behandlung in diesen FĂ€llen nicht ohne bedenkenswerte Risiken fĂŒr das Wohlergehen des Patienten ist, sollte eine solche laut Winnicott nur dann begonnen werden, wenn der Patient unter einem evidenten GefĂŒhl der Unwirklichkeit seiner selbst leidet und seine BemĂŒhungen, das falsche Selbst zum Schutz des wahren einzusetzen, aussichtslos scheinen.cite-ref-winnicott-133-8-0[8]
Als Sonderfall beschreibt Winnicott Menschen, bei denen der Intellekt Sitz des falschen Selbst wurde, was zur Entwicklung einer Dissonanz zwischen Leib und Seele beitrage. Dieses PhĂ€nomen fĂŒhrt er auf eine möglicherweise hohe intellektuelle Ausstattung zurĂŒck, wobei er nicht ausschlieĂt, dass der testpsychologisch festgestellte hohe I.Q. sich als Folge der Dissoziation herausbildete.cite-ref-winnicott-133-8-1[8]
Da das falsche Selbst in der Persönlichkeit eines Menschen verschiedenen Raum einnehmen kann, finden sich neben extremer oder gar gefĂ€hrlicher AusprĂ€gung andere, die milder erscheinen. Hat das falsche Selbst nicht die ganze Persönlichkeit ergriffen und dabei das wahre Selbst gleichsam zum Verschwinden gebracht, Ă€uĂert es sich zwar im Alltag, daneben aber kann das wahre Selbst in Kenntnis des Individuums existieren und heimlich ausgelebt werden (âis allowed a secret lifeâ). Ist die Persönlichkeitsreifung weiter fortgeschritten, unterstĂŒtzt das falsche Selbst den Menschen in seiner Suche nach Möglichkeiten, dem wahren Selbst zur Geltung zu verhelfen.cite-ref-winnicott-142-9-0[9] Auf einem reiferen Strukturniveau der Persönlichkeit kann das falsche Selbst in Identifikationen begrĂŒndet sein. Bei gesunden Menschen mit reifer Persönlichkeitsstruktur drĂŒckt sich das falsche Selbst in gepflegten Umgangsformen und der Beachtung sozialer Normen wie beispielsweise der Höflichkeit aus. Auch Menschen, von denen man sagt, sie trĂŒgen ihr Herz nicht auf der Zunge, behalten das, was ihr wahres Selbst ausmacht, fĂŒr sich. Gesunde Menschen können auf das Ausleben ihrer Allmachtsfantasien verzichten und einen Platz in einer Gemeinschaft einnehmen, der durch das wahre Selbst allein nie erreicht werden könnte.cite-ref-winnicott-142-2-10-0[10]
FĂŒr die Psychopathologie beschreibt Winnicott intelligente Menschen, die ihr wahres Selbst nicht entwickeln konnten oder es durch das falsche gewissermaĂen ersetzt haben. Sie können durchaus und auch akademischen Erfolg im Leben haben. Wenn sie sich aber erwartungsgemÀà in der ein oder anderen Weise selbst zerstören, weckt das groĂe EnttĂ€uschungen bei jenen, die an ihr Talent glaubten.cite-ref-winnicott-143-11-0[11]
Entwicklung des falschen Selbst
Wenn am Beginn des Lebens die Bedingungen fĂŒr eine gedeihliche Entwicklung des Kindes im Sinne Winnicotts âgut genugâ sind, also fĂŒrsorgliche Eltern da sind, denen es nicht an der FĂ€higkeit mangelt, sich in das Kind und seine ureigenen BedĂŒrfnisse einzufĂŒhlen, sollte sich ein vom falschen Selbst beschĂŒtztes wahres Selbst entwickeln können, wobei das falsche Selbst nicht mehr als ein sozialer Habitus sei.cite-ref-winnicott-137-12-0[12]
Die Ursache fĂŒr die Entwicklung eines falschen Selbst sucht Winnicott in den frĂŒhen Objektbeziehungen, also in der Regel der Beziehung zwischen dem SĂ€ugling und seiner Mutter. In dieser frĂŒhen Zeit ist der SĂ€ugling noch nicht in der Lage, sich anzupassen und Ă€uĂert insofern ausschlieĂlich Impulse, die dem wahren Selbst entstammencite-ref-winnicott-144-13-0[13] und der unmittelbaren BedĂŒrfnisbefriedigung dienen sollen. Erst etwa im 4. Lebensjahr gelingt BedĂŒrfnisaufschub.cite-ref-schirmer-14-0[14]
Ist eine Mutter im Sinne Winnicotts âgut genugâ â er nennt eine solche Mutter eine âgood enough motherâ â, wird sie den spontan geĂ€uĂerten Impulsen des Kindes im Sinne des Kindeswohls begegnen. Ist sie nicht gut genug und kann die BedĂŒrfnisse des Babys nicht erspĂŒren oder nicht richtig deuten, wird sie ihre eigenen BedĂŒrfnisse an dessen Stelle setzen und damit zur Entwicklung eines falschen Selbst beitragen, wodurch das Kind mit der Zeit lernt, sich den BedĂŒrfnissen anderer Menschen anzupassen. Die Nachgiebigkeit des SĂ€uglings bezeichnet Winnicott als das frĂŒheste Stadium des falschen Selbst.cite-ref-winnicott-144-13-1[13]
Die Entwicklung eines falschen Selbst sichert dem Kind ein innerseelisches Ăberleben, wenn sich die Mutter nicht gut genug an seine BedĂŒrfnisse anpassen und entsprechend darauf antworten kann. Es scheint die Forderungen seiner Umgebung zu akzeptieren, tatsĂ€chlich aber bleibt es unterwĂŒrfig und gefĂŒgig und baut Beziehungen auf, die nicht wahrhaftig sein können. Das Kind kann nicht es selbst sein und möchte stattdessen so sein wie bedeutsame Figuren seines Umfeldes es wĂŒnschen.cite-ref-winnicott-145-15-0[15] DemgegenĂŒber könne sich, so Winnicott, das wahre Selbst nur entwickeln, wenn die Mutter in der Beziehung zu ihrem Kind zur Hingabe bereit und in der Lage sei.cite-ref-winnicott-146-16-0[16]
Das falsche Selbst soll das wahre schĂŒtzen und das kann in sehr verschiedenem AusmaĂ geschehen. Die Bandbreite reicht von einem freundlichen Umgang mit sich und anderen bis zu einer völligen Verleugnung und Abspaltung des wahren Selbst, so dass das falsche als wahr missinterpretiert werde. Man könne das, so Winnicott, bei Kindern beobachten, die wie Schauspieler aufwachsen. Auch in der Gruppe der professionellen Schauspieler könne man jene unterscheiden, die ihre Rollen spielen und im Alltag sie selbst bleiben und andere, die wie verloren wirken, wenn sie nicht auf der BĂŒhne stehen und Beifall ernten.cite-ref-winnicott-149-2-17-0[17]
Das wahre Selbst
Um das Konzept des falschen Selbst zu vervollstĂ€ndigen, beschreibt Winnicott, was er unter dem wahren Selbst versteht.cite-ref-winnicott-147-18-0[18] Im frĂŒhesten Stadium sei das wahre Selbst eine innerseelische Position, aus der SpontaneitĂ€t und ein gefĂŒhltes Wissen vom eigenen Wesen bzw. den persönlichen Eigenarten hervorgehe. Nur das wahre Selbst könne kreativ sein und sich echt und wirklich fĂŒhlen. Ein falsches Selbst fĂŒhre dagegen zu einem GefĂŒhl von Unwirklichkeit und Sinnlosigkeit.
Winnicott beschreibt eine Patientin, die nach einer sehr langen Analyse mit fĂŒnfzig Jahren ein neues Leben beginnen wollte, weil sie endlich Zugang zu ihrem wahren Selbst gefunden hatte und sich dadurch zum ersten Mal in ihrem Leben echt, lebendig und authentisch fĂŒhlen konnte.
Es gebe nicht viel ĂŒber das wahre Selbst zu sagen, weil es sich eigentlich nur in Abgrenzung zum falschen Selbst verstehen und beschreiben lieĂe.cite-ref-winnicott-147-18-1[18] Wichtig aber sei, dass sich das falsche Selbst frĂŒher zu organisieren beginne und das wahre Selbst erst erscheint, sobald sich eine mentale Organisation der Persönlichkeit eines Individuums entwickelt habe, die mehr sei, als die Summe sensomotorischer Lebendigkeit. Weil das wahre Selbst auf die Ă€uĂere RealitĂ€t bezogen sei, entwickele es schnell eine ausgeprĂ€gte KomplexitĂ€t sich wechselseitig bedingender EinflussgröĂen. Jede neue Entwicklungsphase, in der das wahre Selbst nicht ernsthaften Störungen oder gar BeschĂ€digungen unterworfen war, stĂ€rke das Empfinden, real zu sein. Damit einher gehe die FĂ€higkeit des Kindes, Toleranzen fĂŒr BrĂŒche in der KontinuitĂ€t des Selbsterlebens einerseits und der Wahrnehmung des falschen Selbst andererseits zu entwickeln, verbunden mit der FĂ€higkeit zur Anerkennung der Existenz einer unabhĂ€ngigen, eigenstĂ€ndigen Ă€uĂeren RealitĂ€t. Darauf aufbauend könne sich die FĂ€higkeit zur Dankbarkeit herausbilden.cite-ref-winnicott-148-19-0[19]
Eine gesunde Entwicklung fĂŒhrt zu einer Ich-Organisation, die an die Umwelt angepasst ist. Das geschehe nicht automatisch und setze voraus, dass sich das wahre Selbst, so wie Winnicott es versteht, unter dem Einfluss einer Mutter etabliert habe, die sich ihrerseits an die BedĂŒrfnisse des Kindes anpassen kann. Dadurch lerne das Kind, Kompromisse einzugehen. Trotz vorhandener FĂ€higkeit zum Kompromiss kann ein solcher verweigert werden, was bei Heranwachsenden regelmĂ€Ăig geschieht und ein normĂŒbliches Problem darstellt.cite-ref-winnicott-149-20-0[20]
Gesunde Menschen, denen ein gerĂŒttelt MaĂ an SpontaneitĂ€t und KreativitĂ€t eigen ist, haben die FĂ€higkeit zur Symbolisierung,cite-ref-winnicott-149-20-1[20] wie sie in der Psychoanalyse oft beschrieben wurde.cite-ref-l-chel-21-0[21] Das ermöglicht, so Winnicott, ein Leben zwischen Traum und Wirklichkeit, was durch die Errungenschaften der Kultur bereichert werde.cite-ref-winnicott-149-2-17-1[17] Das ist bei Menschen, denen eine Integration von wahrem und falschem Selbst nicht gelungen ist, anders. Sie benutzen selten Symbole, haben oft einen eingeschrĂ€nkten oder keinen Zugang zur Kultur, sie wirken eher ruhelos und können sich schlecht konzentrieren.cite-ref-winnicott-149-20-2[20]
Therapeutische Implikationen
Die Behandlung von Patienten, deren wahres Selbst verschĂŒttet ist oder sich nie entwickeln konnte, ist nicht ohne Risiken und verlangt vertiefte Kenntnis dieses Störungsbildes. Therapeuten sollten sich im Klaren darĂŒber sein, dass sie zu Beginn nur ĂŒber das falsche Selbst in Kontakt mit ihren Patienten kommen können. Sie mĂŒssen der Tatsache eingedenk sein, dass ihre Patienten im Zuge regressiver Prozesse in eine schwere AbhĂ€ngigkeit geraten, die behutsam zu handhaben und im spĂ€teren Behandlungsverlauf wieder aufzulösen ist. Wer die groĂe BedĂŒrftigkeit und AbhĂ€ngigkeit dieser Patienten nicht zu tragen bereit oder imstande ist, sollte laut Winnicott diese Patienten nicht in Behandlung nehmen.cite-ref-winnicott-150-22-0[22] Ein Therapeut, der das falsche Selbst des Patienten nicht erkenne und mit ihm spreche, als wĂ€re es das wahre, werde nicht wirklich in Kontakt mit dem Patienten kommen und ihm nicht dabei helfen können, sein wahres Selbst zu entdecken, um sich in Folge lebendig und authentisch fĂŒhlen zu können.
FĂŒr erfolgversprechender als die ansonsten in einer psychoanalytischen Behandlung ĂŒbliche Arbeit an den Abwehrmechanismen hĂ€lt Winnicott in diesen FĂ€llen die Anerkennung der Tatsache, dass sich der Patient als nicht existent erlebt, denn sein falsches Selbst könne aufgrund der hohen Anpassungsbereitschaft scheinbar gut mit dem Therapeuten bei der Abwehranalyse kooperieren, ohne dass sich etwas Ă€ndere. Wenn sich diese Patienten an ihre Therapeuten anpassen, wĂŒrde sich grundsĂ€tzlich nichts Ă€ndern können.cite-ref-winnicott-151-23-0[23] Das falsche Selbst zeichne sich durch eine entscheidende Leerstelle in der Persönlichkeit aus, die den Patienten charakterisiere. Werde das nicht erkannt, anerkannt und ausgesprochen, könne die Suche nach dem wahren Selbst fĂŒr den Patienten nicht erfolgreich verlaufen.
Rezeption
Im Ărzteblatt erinnerte Christof Goddemeier im Februar 2021 unter dem Titel Wegbereiter der Kinderpsychotherapie zum fĂŒnfzigsten Todestag an Winnicott und meinte, Ă€hnlich anderen Wortschöpfungen seien âBegriffe wie âwahresâ und âfalsches Selbstâ und âthe good enough mother (die hinreichend gute Mutter)â beinahe in den allgemeinen Wortschatz ĂŒbergegangenâ. Dabei sind hinreichend gute MĂŒtter âdurchschnittliche Menschen und nicht perfektâ.cite-ref-goddemeier-24-0[24] Winnicott, der von sich selbst sagte, er sei ânie fĂ€hig gewesen, irgendjemandem nachzufolgen, nicht einmal Freudâ, habe keine Systematik vorgelegt und das absichtsvoll, weil mangelnde Systematik die âVielfalt des Lebensâ besser abbilde und davor bewahre, die âPsychoanalyse als exakte Wissenschaft verstehen zu wollenâ. Er habe jede Art von Dogmatismus und Fanatismus abgelehnt, bestand aber darauf, dass nur das wahre Selbst âkreativ seinâ und âsich real fĂŒhlenâ könne, wĂ€hrend das falsche Selbst, wie Winnicott 1965 schrieb, âzu einem GefĂŒhl des Unwirklichen oder einem GefĂŒhl der Nichtigkeitâ fĂŒhre.cite-ref-goddemeier-24-1[24]
Brigitte Scherer, Professorin an der Katholischen Hochschule Freiburg und Mitglied in der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Supervision und Coaching verfasste im MĂ€rz 2021 auf der Internetplattform socialnet eine Rezension des im Jahr 2020 neu verlegten Buches Reifungsprozesse und fördernde Umwelt von Winnicott.cite-ref-scherer-25-0[25] Dieser Psychoanalytiker gelte, so Scherer, ânicht nur als einflussreicher sondern auch als ein originĂ€rer psychoanalytischer Denker und Autorâ, der betont habe, dass der IntersubjektivitĂ€t ein Prozess der âSubjektwerdungâ vorausgehen mĂŒsse. Nachdem Winnicott âmit der Genese und Funktion des âfalschen Selbstâ vertraut gemachtâ habe, das zu einem anhaltenden âGefĂŒhl der IrrealitĂ€tâ fĂŒhren könne, begrĂŒnde er in seinen behandlungstechnischen Mitteilungen notwendige Abweichungen vom ĂŒblichen Vorgehen. Die âklassische psychoanalytische Deutung sei nicht hinreichend. Werde sie zu frĂŒh eingesetzt, werde sie vom âfalschen Selbstâ im Sinne einer sozialen Anpassung beantwortet.â
âDie BeitrĂ€ge zur frĂŒhen psychischen Entwicklung in der frĂŒhen Kindheit, die Bedeutung der absoluten AbhĂ€ngigkeit des SĂ€uglings von einer haltenden Umwelt und die Folgen, wenn sich diese Umwelt als nicht hinreichend erweist, waren zur Zeit ihrer Formulierung in den 50er und 60er Jahren bahnbrechend. Und sie haben trotz des zeitlichen Abstands nicht an Bedeutung verloren. Es lohnt sich Winnicott erneut zu lesen und zu entdecken.â
â
Brigitte Scherer
:
Rezension 2021
Ihrer Kritik, es könne fĂŒr psychoanalytisch Unkundige âzunĂ€chst MĂŒhe machen, der Argumentation zu folgenâ, schlieĂt Scherer die Bemerkung an, die Texte wĂŒrden gleichwohl âwertvolle Einsichten fĂŒr alle, die mit Kindern oder auch Erwachsenen arbeitenâ bergen. Sie schlieĂt ihre Rezension mit einem Tadel an den Verleger, von dem sie sich ein âgrĂŒndliches Redigierenâ gewĂŒnscht hĂ€tte, denn zahlreiche âInterpunktions- und Schreibfehlerâ wĂŒrden den Lesefluss stören und âan manchen Stellen auch Ă€rgerlichâ sein.
VorlÀufer
Es gab vorausgehende Ăberlegungen und Konzepte, auf die sich Winnicott stĂŒtzen konnte, auch wenn er von sich behauptete, er sei ânie fĂ€hig gewesen, irgendjemandem nachzufolgenâ.cite-ref-goddemeier-24-2[24] Er selbst wies darauf hin, dass schon die von ihm gewĂ€hlte Begrifflichkeit nicht neu gewesen sei.
1929: Joan Riviere (1883â1962), Winnicotts zweite Analytikerin,cite-ref-winnicott-175-26-0[26] beschreibt in ihrem Artikel Womanliness as a Masquerade, wie sich Weiblichkeit bei manchen Frauen zu einer Art Maskerade deformieren könne.cite-ref-riviere-27-0[27] Auf diese Weise sollen eigene mĂ€nnliche Persönlichkeitsanteile verborgen werden. Athol Hughes, Herausgeberin der Collected Papers von Riviere,cite-ref-hughes-2-28-0[28] spricht im Zusammenhang mit dieser Schrift von einer betrĂŒgerischen Weiblichkeit (âfraudulent femininityâ),cite-ref-hughes-29-0[29] die der Angst vor Vergeltung geschuldet sei â Vergeltung fĂŒr den Wunsch mit MĂ€nnern zu rivalisieren, sie möglicherweise sogar zu hassen. All das werde ggf. hinter einer ĂŒbertriebenen Weiblichkeitsfassade versteckt.
1934: Helene Deutsch (1884â1982), im Jahr 1975 in die American Academy of Arts and Sciences gewĂ€hlte Psychoanalytikerin und unter anderem mit den Themen LĂŒge und TĂ€uschung befasst,cite-ref-deutsch-3-30-0[30] veröffentlicht ihre Schrift Ăber einen Typus der PseudoaffektivitĂ€tcite-ref-deutsch-2-31-0[31] und entwickelt ein Konzept ĂŒber âAls-ob-Persönlichkeitenâ.cite-ref-deutsch-32-0[32] Die Wiener Psychotherapeutin Felicitas Datzcite-ref-datz-2-33-0[33] verfasste unter dem Titel Und wenn es nicht die Wahrheit ist, so istâs doch nicht gelogen ein Manuskript, das sie zwar â anders als andere Schriften â nicht in wissenschaftlichen Organen publizierte, aber ins Netz stellte.cite-ref-datz-34-0[34] Laut Datz beschreibe Helene Deutsch âMenschen, an deren Art zuerst nichts Krankhaftes zu bemerken sei, die sich angepasst benehmen, deren intellektuelle und affektive ĂuĂerungen vollkommen geordnet und entsprechend scheinenâ. Ihr Hochmut (PrĂ€tention), den sie in Anlehnung an Helene Deutsch beschreibt, vermittle sich in erster Linie nonverbal.
âObwohl die Beziehungen der Als-Ob-Persönlichkeiten meist intensiv wirken und auf den ersten Blick alle Merkmale von Freundschaft, Liebe, Mitleid usw. tragen, spĂŒrt -so Deutsch- selbst der Laie bald etwas Befremdendes. Denn es fehlt diesen Beziehungen jede âSpur von WĂ€rme, den GefĂŒhlsĂ€uĂerungen ist nur die HĂŒlle geblieben, das innere Erleben ist vollkommen ausgeschaltetâ. (Deutsch, 1934, S. 324)â
â
Felicitas Datz
:
Und wenn es nicht die Wahrheit ist, so istâs doch nicht gelogen
Im Zusammenhang mit der alles beherrschenden Bereitschaft der âAls-ob-Persönlichkeitenâ, sich anzupassen und sich mit anderen Menschen zu identifizieren, spreche Deutsch von einer âseelischen Mimikryâ, dem âNachahmungstrieb des Kindesâ entsprechend.cite-ref-datz-34-2[34] Diese Menschen wĂŒrden selbst âkeinen Mangel in ihrem Affektleben empfindenâ, doch spĂŒre ihr GegenĂŒber, dass etwas falsch sei und man habe den Eindruck, âbelogen worden zu sein, ohne die Unwahrheit gehört zu habenâ. Deutsch spreche von âreal-unrealenâ Beziehungen. Was ein GesprĂ€chspartner empfinde, sei âschwer zu fassenâ, so Datz, doch in der Regel durch âBefremdung und Leere und ein Sich-Betrogen-FĂŒhlenâ gekennzeichnet.cite-ref-datz-34-3[34]
1941: Erich Fromm (1900â1980) macht in seiner sozialpsychologischen Schrift Die Furcht vor der Freiheit auf einen âPseudo-Charakterâ aufmerksam, den Denken, FĂŒhlen und Wille im Prozess ĂŒbermĂ€Ăiger Anpassung annehmen könne:
âDaĂ die Inhalte unseres Denkens, FĂŒhlens und Wollens uns von auĂen eingegeben werden und nicht genuin die unseren sind, ist so hĂ€ufig, daĂ man den Eindruck bekommt, diese Pseudo-Akte seien die Regel und genuine oder angeborene geistige Akte seien die Ausnahme.â
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Erich Fromm
:
Die Furcht vor der Freiheit (S. 186)
Unterwerfe sich ein Kind, beispielsweise aus Angst vor Einsamkeit oder Ohnmacht den Erwartungen seiner Umgebung, könne es sich, so Fromm, zwar âsicher und zufriedenâ fĂŒhlen, doch unbewusst merke es, dass es âdies mit dem Preis der StĂ€rke und IntegritĂ€t seines Selbst bezahlenâ mĂŒsse.cite-ref-fromm-35-1[35]
1950: Karen Horney (1885â1952) verweist in der Originalausgabe ihres 2017 in 6. Auflage der deutschen Ăbersetzung erschienenen Buches Neurose und menschliches Wachstum â Untertitel: Das Ringen um Selbstverwirklichung â auf die Folgen ĂŒbermĂ€Ăiger Anpassung, die letzten Endes in SelbstgefĂŒhle wie Selbsthass, Selbstverachtung, Selbstverleugnung und âentfremdung (âalienation from Selfâ) mĂŒnden.cite-ref-horney-36-0[36] Selbstsicherheit und Selbstvertrauen gehen dabei verloren.
Erweiterungen, Fortentwicklungen, PopulÀrwissenschaftliches
Die Begrifflichkeiten vom falschen und wahren Selbst fanden im wissenschaftlichen Diskurs Erweiterungen â beispielsweise auf das Körpererleben â und Eingang in populĂ€rwissenschaftliche Publikationen sowie in die Umgangssprache. DarĂŒber hinaus wurde das Konzept in der psychoanalytischen Theorienentwicklung ausgebaut, an neuere Erkenntnis angepasst und optimiert. Zudem wurde das Konzept von anderen wissenschaftlichen Disziplinen aufgegriffen, denen Psychologie und Psychoanalyse Bezugswissenschaften sind.
Erweiterungen
Die britische Journalistin und Psychoanalytikerin Susie Orbach erweiterte im Jahr 2002 das Konzept vom falschen Selbst um den darauf bezugnehmenden Begriff von einem falschen Körper (âthe false bodyâ).cite-ref-orbach-37-0[37] Sie kritisierte, dieser Aspekt spiele zwar in der klinischen Arbeit eine wichtige Rolle, werde gleichwohl aber praktisch wie theoretisch vernachlĂ€ssigt. Winnicott habe die mentale Entwicklung des Kindes und die Möglichkeit der Herausbildung eines falschen Selbst mit der QualitĂ€t der Beziehung zwischen Mutter und Kind beschrieben und Vergleichbares gelte, so Orbach, fĂŒr die körperliche Entwicklung und das VerhĂ€ltnis eines Menschen zum eigenen Körper.cite-ref-orbach-2-38-0[38]
Versehen mit dem Untertitel Kinder, die nicht stören können warf Hans von LĂŒpke als Theologe in der Zeitschrift fĂŒr Inklusion 2006 einen Blick auf das falsche Selbst im Zusammenhang mit geistiger Behinderung.cite-ref-luepke-39-0[39] Sich u. a. auf Brazelton, einem amerikanischen PĂ€diater berufend, beschreibt LĂŒpke die Reaktionen von SĂ€uglingen, deren MĂŒtter auf die ĂuĂerungen des Babys nicht reagiert. Dies könne die Entwicklung eines falschen Selbst auf den Weg bringen. Er kommt zu dem Schluss, störendes Verhalten und RĂŒckzug seien âkeine defizitĂ€ren Verhaltensweisen [âŠ], sondern sinnvolle Initiativenâ.cite-ref-luepke-39-1[39]
Fortentwicklungen
1984: Alexander Lowen (1910â2008) entwickelte als SchĂŒler von Wilhelm Reich aus dem Konzept vom wahren und falschen Selbst mit seiner Bioenergetischen Analyse eine eigenstĂ€ndige Behandlungsmethode, die Körpersprache verwendet, um seelische Probleme zu verstehen. Aus dem Widerspruch von eigenen BedĂŒrfnissen und gegenlĂ€ufigen Erwartungen des Umfeldes wĂŒrden Verspannungen resultieren, die Aufschluss ĂŒber seelisches Leiden geben könnten und einer Behandlung mit seiner Methode zugĂ€nglich wĂ€ren. Lowen grenzte sich vom Mainstream ab und vertrat die Auffassung, Narzissten könnten nicht nur andere, sondern auch sich selbst nicht lieben, weil sie ihr âwahres Selbstâ nicht akzeptieren könnten und sich stattdessen maskierten, um ihre emotionale Taubheit (âemotional numbnessâ) zu verbergen. Das falsche Selbst werde der Welt wie eine Fassade prĂ€sentiert, wĂ€hrend sich das wahre Selbst unterwerfe und deshalb rebellisch und wĂŒtend werde. Sein Buch ĂŒber den Narzissmus versah er mit dem Untertitel Die Verleugnung des wahren Selbst (in der englischen Originalausgabe: Denial of the True Self).cite-ref-lowen-40-0[40]
1985: Daniel Stern (1934â2012) war als einer der fĂŒhrenden SĂ€uglingsforscher aufgrund der Ergebnisse seiner videobasierten Forschung mit experimentellen Versuchsanordnungen ĂŒberzeugt, es gebe ein Selbst bereits bei einem SĂ€ugling, noch bevor sich Selbstbewusstsein oder Sprache herausgebildet habe. WĂ€hrend Winnicott ein dichotomisches Konzept vorlegte und dem falschen ein wahres Selbst gegenĂŒberstellte, entwickelte Stern anhand der Entwicklungsgeschichte von SĂ€ugling und Kleinkind ein eigenes Modell, das er in seinem bekanntesten Buch The Interpersonal World of the Infant vorstellte. Das Selbst entwickle sich, so Stern, in vier Stadien.cite-ref-stern-41-0[41] Stern beschreibt ein âauftauchendes Selbstâ (Beginn im Alter von 2â3 Monaten), ein âKern-Selbstâ (Beginn im Alter von 3â7 Monaten), ein âsubjektives Selbstâ (Beginn im Alter von 7â9 Monaten) und ein âverbales Selbstâ (Beginn im Alter von 15â18 Monaten). Das Buch ist in deutscher Ăbersetzung im Jahr 2020 unter dem Titel Die Lebenserfahrung des SĂ€uglings in 12. Auflage erschienen.cite-ref-stern-2-42-0[42] Auf den Lindauer Psychotherapiewochen stellte er 1997 sein um ein ânarratives Selbstâ (Beginn im Alter vom 3.â4. Lebensjahr) erweitertes Konzept vor, mithin ein erzĂ€hlendes Selbst als Fortentwicklung des verbalen Selbst.cite-ref-stern-3-43-0[43] Alle AusprĂ€gungen wĂ€hren und entwickeln sich laut Stern bis zum Lebensende.
1990: Der amerikanische Psychiater James F. Masterson (1926â2010) war emeritierter Professor am Weill Medical College der Cornell University,cite-ref-masterson-2-44-0[44] Mitglied der American Psychiatric Association, GrĂŒnder des Masterson Institute for Psychoanalytic Psychotherapy und einflussreicher Autor von Publikationen ĂŒber Persönlichkeitsstörungen und ihre Behandlung im Allgemeinen und der Borderline-, der narzisstischen und der schizoiden Persönlichkeitsstörung im Besonderen. Er befasste sich ĂŒberdies mit der Neurobiologie der Persönlichkeitsstörungen.cite-ref-masterson-2-44-1[44] In Anlehnung an Winnicott legte er in seinem Buch Search For The Real Selfcite-ref-masterson-45-0[45] seine Erkenntnisse ĂŒber Entwicklung und Funktion des wahren Selbst vor und beschrieb, wie das falsche Selbst in persönlichen Beziehungen und am Arbeitsplatz zum Ausdruck komme und auf welche Weise eine Behandlung von Störungen möglich werde â anders, als es noch Helene Deutsch annahm. Er trug mit seinem Buch zum VerstĂ€ndnis des falschen Selbst bei und stimmte Winnicott zu, dass eine Behandlung von Störungen zum Ziel haben mĂŒsse, den Patienten wieder mit seinem wahren Selbst in Kontakt zu bringen.cite-ref-masterson-45-1[45] AnlĂ€sslich seines Todes schrieb Margalit Fox in der New York Times einen Nachruf auf Masterson und erwĂ€hnte seine Ăberzeugung, Persönlichkeitsstörungen seien nicht mit dem Ansatz von Freud zu behandeln, weil sie in erster Linie mit dem Konflikt zwischen wahrem und falschem Selbst zu tun hĂ€tten. Das falsche Selbst werde vom Kind konstruiert, um der Mutter zu gefallen.cite-ref-masterson-2-44-2[44]
2007: Der Psychoanalytiker Jens LeĂłn Tiedemann, der seine Dissertation im Repositorium der Freien UniversitĂ€t Berlin öffentlich zur VerfĂŒgung stellt,cite-ref-tiedemann-46-0[46] bringt, wie viele Andere, den Begriff des Selbst mit dem 1914 eingefĂŒhrten Begriff des Narzissmus in Verbindung, der seitdem eine ârasante Entwicklung im psychoanalytischen VerstĂ€ndnis durchlaufenâ habe.cite-ref-tiedemann-2-47-0[47] Ăbereinstimmung ĂŒber das Konzept des Narzissmus gebe es trotz seiner langen Geschichte allerdings nur ĂŒber zwei Punkte, nĂ€mlich darĂŒber, dass es âzu den wichtigsten Erkenntnissen der Psychoanalyseâ gehöre und dass es âsehr verwirrendâ sei. Der Eingang des Begriffs in die Alltagssprache habe ĂŒberdies zu einem âinflationĂ€re[n] und unprĂ€zise[n] Gebrauchâ gefĂŒhrt. Tiedemann erwĂ€hnt Heinz Hartmann, der den Narzissmus 1950 im Rahmen der Ich-Psychologie als âlibidinöse Besetzung des Selbstâ beschrieb.cite-ref-tiedemann-2-47-1[47] Damit habe er die âGrundlage fĂŒr die weitere theoretische und klinische Erforschungâ des Selbst gelegt, an der u. a. Heinz Kohut mit seiner Selbstpsychologie â und seiner 1971 aufgebrachten und oft zitierten Formel vom âGlanz im Auge der Mutterâ â, Otto Kernberg, der sich in der Tradition der Objektbeziehungstheorie sehe und Winnicott maĂgeblich beteiligt waren.
An Winnicott kritisiert Tiedemann, âdass es seinem Gesamtwerk an theoretischer Konsistenzâ mangele.cite-ref-tiedemann-2-47-2[47] Er habe das Wort ânarzisstischâ nie verwendet und habe âseine Ansichten auch nicht zu einer strukturierten Theorieâ ausformuliert. Ebenso wie Freud habe er zudem ânie eine zusammengefasste Behandlungstechnikâ vorgelegt. Das falsche Selbst solle, so Tiedemann, das wahre âvor den destruktiven mĂŒtterlichen EinflĂŒssenâ schĂŒtzen. Der Narzissmus könne als eine âEntfremdung von den authentischen Tiefen des Selbstâ, also dem, was Winnicott als das wahre Selbst bezeichnete, konzeptualisiert werden. Die hinreichend gute Mutter nehme nicht nur die TriebbedĂŒrfnisse des Kindes wahr, sondern erkenne auch seine KreativitĂ€t an, respektiere seine Grenzen, bewahre es vor Entgrenzung und vermöge ein Gleichgewicht âzwischen seinen Illusions- und Desillusionserfahrungenâ herzustellen. Seelische Erkrankung sei fĂŒr Winnicott nicht primĂ€r pathologisch, sondern vor allem eine Notlösung âfĂŒr emotionale Konflikte und Entwicklungsaufgabenâ.
Tidemann zitiert Stephen M. Johnson, der in seinem 1987 veröffentlichten Buch Der narzisstische Persönlichkeitsstil die Selbstpsychologie von Kohut mit den Konzepten von Winnicott verbunden und geschrieben habe, der Narzissmus sei âdie Zurschaustellung des falschen Selbst anstelle der ĂuĂerung des wahren Selbstâ.cite-ref-tiedemann-2-47-3[47] DarĂŒber hinaus befasste sich Johnson unter anderem mit PhĂ€nomenen der GegenĂŒbertragung und der Affekte im Zusammenhang mit dem wahren Selbst und mit dem VerhĂ€ltnis (âDialogâ) von wahrem und falschem Selbst zueinander.cite-ref-johnson-48-0[48]
2017: Der Psychiater Hans-Joachim Maaz griff das Konzept von Winnicott auf und erweiterte es in seinen gesellschaftspolitischen Betrachtungen um ein bedrohtes, ein gequĂ€ltes, ein ungeliebtes, ein abhĂ€ngiges, ein gehemmtes, ein vernachlĂ€ssigtes und ein ĂŒberfordertes Selbst.cite-ref-maaz-49-0[49] Als ehemaliger DDR-BĂŒrger widmete er einem gesonderten Abschnitt den Titel Zur Ehrenrettung der Ostdeutschen.
2019: Als ein weiteres Beispiel fĂŒr die Fortentwicklung des Konzepts von Winnicott mag ein Beitrag von Juliane Tugendheim aus dem Jahr 2019 dienen.cite-ref-tugendheim-50-0[50] Unter einer â wie es im Untertitel ihrer Publikation heiĂt â âmacht- und kognitivismuskritische[n] Perspektiveâ befasste sie sich in dem von den beiden Erziehungswissenschaftlerinnen Bettina Wuttig und Barbara Wolf herausgegebenen Buch Körper Beratungcite-ref-wuttig-51-0[51] mit der Bedeutsamkeit von Embodiment und konzentrierte sich dabei auf die Frage, wie âEntstehung und Förderung von Machtunterschieden und Machtmissbrauch einhergehen können mit der Verkörperung des âfalschen Selbstââ, wie Winnicott es beschrieb.cite-ref-tugendheim-50-1[50]
PopulÀrwissenschaftliches
Obwohl vom Fach schrieb Alice Miller mit ihrem Buch Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst einen populĂ€rwissenschaftlichen Bestseller, der bis 1995 in 16. Auflage erschien.cite-ref-miller-52-0[52] Vieles war nicht neu, schrieb Tilmann Moser 1979 im Spiegel, doch habe Miller in auch fĂŒr Laien verstĂ€ndliche Sprache ĂŒbersetzt, was von Pionieren wie Spitz, Mahler, Winnicott und anderen âin manchmal schwieriger Begriffssprache bereits formuliertâ war.cite-ref-spiegel-53-0[53] Sie habe die Verzweiflung vieler Menschen zu ihrem âzentralen Themaâ gemacht und mit Pathos geschrieben. Die narzisstische Störung sei die âIsolierhaft des wahren Selbst im GefĂ€ngnis des falschenâ, schrieb Miller und ging, laut Tiedemann wie Winnicott davon aus, âdass die Anpassung an elterliche BedĂŒrfnisse zur Entwicklung des falschen Selbstâ fĂŒhre.cite-ref-tiedemann-2-47-4[47]
Die Schweizer Jungianerin Kathrin Aspercite-ref-asper-54-0[54] vom Internationalen Seminar fĂŒr Analytische Psychologie in ZĂŒrich verwendete 1987 Winnicotts Konzept, um verschiedenen Berufsgruppen einerseits und Betroffenen andererseits einen laienverstĂ€ndlichen Ratgeber an die Hand zu geben, der 2012 in 5. Auflage erschien.cite-ref-asper-2-55-0[55] In das Zentrum ihrer Betrachtungen stellte sie die Selbstentfremdung, die im Rahmen narzisstischer Persönlichkeitsstrukturen und -störungen auftreten und den Charakter einer Depersonalisation annehmen kann.
Sich der Winnicottschen Begrifflichkeit bedienend belegte der amerikanische Franziskanerpater Richard Rohr sie in seinem 2013 veröffentlichten Buch â Das wahre Selbst. Werden, wer wir wirklich sind âcite-ref-rohr-56-0[56] mit gĂ€nzlich anderem Bedeutungsgehalt. Auf der Website vom ZENtrum fĂŒr Psychosynthese und Meditation heiĂt es dazu, das Buch werfe aus Sicht der Psychosynthese einen spirituellen Blick auf das wahre und falsche Selbst,cite-ref-rohr-2-57-0[57] wie Rohr es in eigener Interpretation verstand. FĂŒr Rohr gehe es um ein âtranspersonales Selbstâ und SpiritualitĂ€t sei âder Weg, auf dem wir in den Erfahrungen unseres Lebens unser Wahres Selbst zum Vorschein bringenâ wĂŒrden. Das falsche Selbst mĂŒsse sterben, damit das wahre leben könne und eine âreife Religionâ helfe, den âSterbeprozess des falschen Selbst zu beschleunigenâ. Der âauferstandene Christusâ stehe âfĂŒr die endgĂŒltige Perspektive jedes Wahren Selbstâ, eines, das auf Gott blicke.cite-ref-rohr-2-57-1[57] Damit hat Rohr wissenschaftlich definierte Begriffe umgedeutet, sie damit verfremdet und dem falschen Selbst seine wissenschaftlich als nĂŒtzlich anerkannte Funktion abgesprochen, um zum Glauben zu bekehren.
Um LaienverstĂ€ndlichkeit der wissenschaftlich begrĂŒndeten Konzepte bemĂŒhen sich die beiden Psychoanalytiker CĂ©cile Loetz und Jakob Johann MĂŒller. Unter dem Titel RĂ€tsel des UnbewuĂten betreiben sie seit 2018 eine Websitecite-ref-loetz-mueller-58-0[58] und einen YouTube-Kanalcite-ref-loetz-mueller-2-59-0[59] mit Podcasts zur Psychoanalyse und Psychotherapie. Diese werden mit dem Anspruch produziert, âdie KomplexitĂ€t der Themen beizubehalten, zugleich aber alltagsnah und gut verstĂ€ndlich zu vermittelnâ.cite-ref-loetz-mueller-3-60-0[60] DafĂŒr wurden die beiden Produzenten 2018 mit dem Förderpreis der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung ausgezeichnet.cite-ref-loetz-mueller-58-1[58] Folge 5 trĂ€gt den Titel Das Falsche Selbst â Wie man wird, was man ist.cite-ref-loetz-mueller-4-61-0[61] In diesem Podcast wird laienverstĂ€ndlich beschrieben, wie Menschen aktuell immer hĂ€ufiger zur Selbstdarstellung neigen. Im Rahmen einer gesunden Entwicklung komme es dabei zu einem ausgewogenen âVerhĂ€ltnis zwischen Maske und zeigen des wahren Gesichtsâ. Doch manche Menschen wĂŒrden âsich von sich immer weiter entfernen, um zu gefallen, bis sie sich fremd und darĂŒber krank werdenâ.cite-ref-loetz-mueller-5-62-0[62] Die Podcasts werden eigenen Angaben zufolge wissenschaftlich fundiert erstellt.cite-ref-loetz-mueller-3-60-1[60] Ihre Position zur Psychoanalyse legten Loetz und MĂŒller 2020 in ihrem Artikel Wie geht es mit der Psychoanalyse weiter? in Tagesspiegel Background dar.cite-ref-loetz-mueller-6-63-0[63]
Beispiele
Winnicott und der Fall Masud Khan
Ein prominentes Beispiel fĂŒr eine international bekannte Persönlichkeit mit einem pathologisch entgleisten falschen Selbstcite-ref-nath-64-0[64] ging in die wissenschaftliche Literatur der psychoanalytischen Community unter der Mehrwortbenennung Der Fall Masud Khan ein (englisch: The case of Masud Khan).cite-ref-sandler-godley-65-0[65] Die Geschichte dieses anglo-pakistanischen Psychoanalytikers der British Psychoanalytical Society (BPAS) wurde mehrfach und u. a. von Anne-Marie Sandler in dem Buch Entgleisungen in der Psychoanalyse beschrieben.cite-ref-sandler-2-66-0[66]
Masud Khan (1924â1989) war wĂ€hrend seiner Ausbildung zum Psychoanalytiker von 1959 bis 1966 in dritter Lehranalyse bei Donald Winnicott,cite-ref-sandler-103-67-0[67] nachdem seine beiden ersten Lehranalytiker verstorben waren.cite-ref-sandler-104-68-0[68] Die klinische Psychologin Linda Hopkins veröffentlichte 1998 in der Zeitschrift Contemporary Psychoanalysis einen Artikel ĂŒber diese Analyse,cite-ref-hopkins-2-69-0[69] Wolfgang Schmidbauer griff sie im Forum der Psychoanalyse unter dem Titel Kann eine (Lehr-)Analyse âungĂŒltigâ sein? auf.cite-ref-schmidbauer-70-0[70]
Obwohl Khan bereits wĂ€hrend seiner Ausbildung negativ aufgefallen war, konnten seine problematischen Analysen und Ăbergriffigkeiten in der BPAS erst nach Jahrzehnten diskutiert werden.cite-ref-sandler-71-0[71] Weil es Winnicott nicht gelungen war, ihm dabei zu helfen, sein falsches Selbst einer verhaltensĂ€ndernden Korrektur zu unterziehen und er Khan immer wieder unterstĂŒtzte, geriet auch er ins Kreuzfeuer der Kritik, jedoch ohne dass seine Konzepte dadurch infrage gestellt wurden oder Schaden genommen hĂ€tten.
Bereits die Annahme Khans als Ausbildungskandidat verlief nicht ohne Widerspruch.cite-ref-boynton-72-0[72] Um die Mitgliedschaft der Gesellschaft bewarb er sich erstmals 1950 im Alter von nur 26 Jahren, wurde jedoch erst im zweiten Anlauf aufgenommencite-ref-sandler-104-68-1[68] und bei seiner Bewerbung als Lehranalytiker trotz UnterstĂŒtzung durch Winnicott dreimal abgelehnt,cite-ref-sandler-105-73-0[73] bis er schlieĂlich 1959 angenommen wurde. Den Beginn seines persönlichen und beruflichen Absturzes macht Hopkins in den Jahren ab 1965 aus.cite-ref-hopkins-147-74-0[74] Dem Druck seiner Kritiker und den langjĂ€hrigen Querelen um seinen Machtmissbrauch nachgebend wurde Khan ein Jahr vor seinem Tod 1988 aller Ămter enthoben und aus der Fachgesellschaft ausgeschlossen.cite-ref-sandler-106-75-0[75]
Khan, der selbst ĂŒber das âverborgene Selbstâ publizierte, hatte in der Fachgesellschaft glĂŒhende AnhĂ€nger und scharfe Kritiker.cite-ref-boynton-72-1[72] Aufgrund von Indiskretionen war die Grobheit Khans im Gerede und 1976 kam es zur ersten Klage wegen sexueller Ăbergriffe.cite-ref-sandler-105-73-1[73] Als Mitherausgeber wichtiger Fachzeitschriften waren Winnicott und andere Mitglieder indes von Khan abhĂ€ngig, weil sie auf seine Hilfe bei ihren Publikationen angewiesen waren.cite-ref-sandler-110-76-0[76]
Die Khan zugeordneten Eigenschaften sind zahlreich und widersprĂŒchlich. Er sei eine schillernde Figur gewesen, intelligent, kreativ und von bestechendem Charisma.cite-ref-boynton-72-2[72] Er wird als extravagantecite-ref-apa-77-0[77] und von Sandler als âkomplexe, grenzenlos verwirrende und paradoxe Persönlichkeitâ beschrieben.cite-ref-sandler-112-78-0[78] Als âmĂ€chtige und zeitweise bedrohliche Persönlichkeitâ sei er auch vor der Androhung von Gewalt nicht zurĂŒckgeschreckt, so dass einmal gar âum Polizeischutz ersucht werden mussteâ.cite-ref-sandler-110-76-1[76]
Im Jahr 2001 veröffentlichte Wynne Godley, ein anerkannter Wirtschaftswissenschaftler und emeritierter Professor der Cambridge University, dessen persönliche und berufliche Reputation auĂer Frage stand, in der Literaturzeitschrift London Review of Books seine Leidensgeschichte wĂ€hrend der lange Jahre zurĂŒckliegenden Analyse bei Khan, nachdem er sich im Rahmen einer Zweitanalyse hatte erholen können.cite-ref-godley-79-0[79] Er lege, so Godley einleitend, seine Geschichte einer desaströsen Begegnung mit der Psychoanalyse vor, die ihn als MittdreiĂiger ernsthaft beschĂ€digt habe. Godley habe sich, so Sandler spĂ€ter, hilfesuchend an Winnicott gewandt. Seine Behauptung, Khan sei âverrĂŒcktâ, habe Winnicott bestĂ€tigt und Khan, der noch immer bei ihm in Lehranalyse war, untersagt, die Behandlung von Godley fortzufĂŒhren.cite-ref-sandler-102-80-0[80] Gleichwohl versuchte Khan ihn zu halten, doch Godley brach den Kontakt ab.
Im Jahr 2002 erschien von Robert S. Boynton im literarischen Forum Boston Review eine Rezension des Godley-Artikels.cite-ref-boynton-72-3[72] Godley sei laut Boynton von Anbeginn von Khan gefoltert (âtorturedâ) worden, ein langer und fruchtloser Kampf sei in eine Spirale der Erniedrigung kulminiert.
Zwei Jahre spÀter, im Jahr 2004, publizierte Anne-Marie Sandler gemeinsam mit Godley 2004 im International Journal of Psychoanalysis den Artikel Institutional responses to boundary violations: The case of Masud Khan.cite-ref-sandler-godley-65-1[65]
Im Jahr 2005 legte Roger Willoughby, Dozent an der Newman University in Birmingham, eine erste Biografie und damit seine Auseinandersetzung mit Khan unter dem Titel Masud Khan. The Myth and the Reality vor. DafĂŒr wertete er persönliche Briefe, verschiedenes Archivmaterial und Interviews mit seinen Verwandten, Freunden und Kollegen aus. Er beschrieb Khans Werk und erwĂ€hnte unter anderem dessen Alkoholismus und seine Krebserkrankung.cite-ref-willoughby-81-0[81] Susan DeMattos unterzog sein Buch einem ausfĂŒhrlichen Review.cite-ref-mattos-82-0[82]
Ein Jahr spĂ€ter legte Linda Hopkins 2006 unter dem Titel False Self. The Life of Masud Khan die erste vollstĂ€ndige Biografie ĂŒber Khan vor, an der sie 13 Jahre gearbeitet hatte.cite-ref-hopkins-83-0[83] Bevor sie Psychologin und Analytikerin wurde, hatte sie Arabisch und an der Johns Hopkins School of Advanced International Studies (SAIS) studiert. Insofern war sie am Islam interessiert, und, weil sie wusste, dass Khan Muslim war, auch an ihm. Als sie ihre Studien begann, habe es noch keine Veröffentlichungen ĂŒber das Leben von Khan gegeben.cite-ref-hopkins-x-84-0[84] Sie hatte zahlreiche UnterstĂŒtzung, unter vielen anderen von dem Politikwissenschaftler Paul Roazen.cite-ref-hopkins-xi-85-0[85] Interviewanfragen an Familienangehörige, Freunde und Analysanden wurden kaum abgelehnt.cite-ref-hopkins-xii-86-0[86]
Khan habe sich, so Hopkins, anfangs zu einem brillanten und anerkannten Kliniker entwickelt, dessen zahlreiche Publikationen Anerkennung erfuhren, die u. a. darin zum Ausdruck kam, dass er ab 1959 an Herausgeberschaften wissenschaftlicher Zeitschriften beteiligt wurde.cite-ref-hopkins-44-87-0[87] Doch habe er als talentierte und zutiefst widersprĂŒchliche Person zunehmend ein als skandalös zu bezeichnendes Verhalten an den Tag gelegt.cite-ref-apa-77-1[77] Den Beginn seines persönlichen und beruflichen Absturzes macht Hopkins in den Jahren ab 1965 aus.cite-ref-hopkins-147-74-1[74] In ihrer differenzierten Recherche zur biografischen Vorgeschichte von Khan erwĂ€hnt Hopkins Robert Stoller, der ihn gut gekannt und Khan fĂŒr ein traumatisiertes Kind gehalten habe, das ungeschĂŒtzt Gewalterfahrungen ausgesetzt gewesen sei.cite-ref-hopkins-10-88-0[88] Unter den zahlreichen GerĂŒchten, die in der Legendenbildung ĂŒber Khan im Umlauf waren, hielt sich jenes hartnĂ€ckig, er wĂ€re homosexuell gewesen.cite-ref-hopkins-83-89-0[89]
Sandler berichtet 2007, der Fall Masud Khan sei in der britischen Fachgesellschaft Anlass zur Einrichtung einer Ethik-Kommissioncite-ref-sandler-112-78-1[78] gewesen und formuliert eigene Empfehlungen zur Verhinderung derartiger VorfĂ€lle,cite-ref-sandler-114-90-0[90] weil es einen âauĂerordentlichen Widerstand innerhalb der Instituteâ gebe,cite-ref-sandler-95-91-0[91] GrenzĂŒberschreitungen zu erkennen und Schwierigkeiten bestĂŒnden, ggf. âangemessene Konsequenzen zu ziehenâ.cite-ref-sandler-94-92-0[92]
Die sogenannten Kriegskinder und -enkel
Gesine Schwan verwendete als Politikwissenschaftlerin 1997 neben verschiedenen psychologischen Modellen der Entwicklungspsychologie auch das Konzept vom falschen Selbst in ihrem Buch Politik und Schuld â Die zerstörerische Macht des Schweigens. Sie beschrieb Besonderheiten der von ihr so genannten zweiten Generation, die oft auch als Generation der âStunde Nullâcite-ref-bpb-93-0[93] oder als Kriegskinder bezeichnet werden.cite-ref-schwan-94-0[94] Auch die dritte, als Kriegsenkel bezeichnete Generation nimmt sie in den Blick. WĂŒrde eine âdestruktive Haltungâ im Wege einer transgenerationalen Weitergabe auf nachfolgende Generationen verlagert, wĂŒrde âunter dem Einfluss vielfĂ€ltiger Wirklichkeitsfaktorenâ die Herkunft der BeschĂ€digungen âimmer unkenntlicherâ werden und fĂŒhre, so Schwan, von Generation zu Generation zunehmend zu âundurchschaubaren Deformationenâ.
Auch fĂŒr die âLeidensgeschichten von Holocaust-Opfern und ihren Kindernâ werde es fĂŒr die zweite Generation âschwer, ein eigenstĂ€ndiges Selbst zu entwickelnâ. Das habe bedenkenswerte Folgen: âAnalog zu den TĂ€terkindern fĂ€llt es dieser zweiten Generation ebenfalls schwer, eigenstĂ€ndige, verlĂ€Ăliche Beziehungen aufzubauen.â Schwan spricht in diesem Zusammenhang ĂŒber eine âoft nur halbbewuĂte Entscheidung zur Kinderlosigkeitâ und ist um der Erhaltung der Demokratie willen bemĂŒht, ihre Leserinnen und Leser fĂŒr die Aufgabe eines möglichen Selbstbetruges zu gewinnen.cite-ref-schwan-94-1[94]
Den Kindern der zweiten Generation, wie Schwan sie zuordnet, sei verwehrt worden, âzu eigenstĂ€ndigen Persönlichkeiten zu werdenâ und in diesen FĂ€llen sei ihr falsches Selbst ânicht konstruktiv und kreativ, sondern zwanghaft, abhĂ€ngig-rebellisch und unglĂŒcklichâ. Sie wĂ€ren von den Eltern gleichsam als âWirteâ fĂŒr UnertrĂ€gliches âvereinnahmtâ worden, worin sich eine der Ursachen fĂŒr die âlatente Depression der Zweiten Generationâ und infolge ein âabhĂ€ngiges falsches Selbstâ finde.cite-ref-schwan-94-2[94]
Literatur
âą Peter Dettmering: Das "Selbst" in der Krise. Literaturanalytische Arbeiten 1971â1985. 2. Auflage. Klotz, Eschborn bei Frankfurt a. M. 1995, ISBN 3-88074-169-7.
⹠Peter Fonagy, György Gergely, Elliot L. Jurist, Mary Target: Affektregulierung, Mentalisierung und die Entwicklung des Selbst. 6. Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 2018, ISBN 978-3-608-96271-0.
âą Arno Gruen: Der Verrat am Selbst. Die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau. Mit einem Vorwort von Gaetano Benedetti. Dt. Taschenbuch-Verlag, MĂŒnchen 2002, ISBN 3-423-08581-9.
âą Johann-Peter Haas: Zur Psychodynamik der Unechtheit. In: Johann-Peter Haas, Gemma Jappe (Hrsg.): Deutungs-Optionen. FĂŒr Wolfgang Loch. Edition diskord, TĂŒbingen 1995, ISBN 3-89295-595-6.
âą Linda Hopkins: False Self. The Life of Masud Khan. Karnac Books, London 2008, ISBN 1-59051-069-0 (englisch, eingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google-Buchsuche â Originaltitel: False Self. The Life of Masud Khan. New York. Erstausgabe: Other Press, New York 2006).
âą Mohammed Masud R. Khan: Erfahrungen im Möglichkeitsraum. Psychoanalytische Wege zum verborgenen Selbst. 2. Auflage. Klotz, Eschborn bei Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-88074-463-7 (englisch: Hidden selves. Ăbersetzt von Elisabeth Vorspohl).
âą Heinz Kohut: Die Heilung des Selbst (= Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft. Band 373). 6. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-518-27973-4 (englisch: The restoration of the self. Ăbersetzt von Elke vom Scheidt).
âą Joachim KĂŒchenhoff: Selbstzerstörung und SelbstfĂŒrsorge (= Edition psychosozial). Psychosozial-Verlag, GieĂen 1999, ISBN 3-932133-87-0.
âą Alexander Lowen: Narzissmus. Die Verleugnung des wahren Selbst. Goldmann, MĂŒnchen 1992, ISBN 3-442-12314-3 (englisch: Narcissism. Denial of the True Self. 1984. Ăbersetzt von Gudrun Theusner-Stampa).
âą Susie Orbach: The false self and the false body. In: Brett Kahr (Hrsg.): The Legacy of Winnicott. Essays on Infant and Child Mental Health. Routledge, London 2002, ISBN 978-1-85575-236-8, S. 11 (englisch).
âą Donald Winnicott: The Maturational Processes and the Facilitating Environment. Studies in the Theory of Emotional Development. In: The International Psycho-Analytical Library. Band 64. The Hogarth Press and the Institute of Psycho-Analysis, London 1965, S. 1â276 (englisch, Edited by M. Masud R. Khan).
âą Donald Winnicott: Ichverzerrung in Form des wahren und des falschen Selbst. In: Reifungsprozesse und fördernde Umwelt (= Bibliothek der Psychoanalyse). 3. Auflage der unverĂ€nderten Neuauflage 2001 der deutschen Erstausgabe 1974. Psychosozial-Verlag, GieĂen 2020, ISBN 978-3-8379-2983-6, S. 182â199 (englisch: The Maturational Processes and the Facilitating Environment. London 1965. Ăbersetzt von Gudrun Theusner-Stampa, Mit einem Geleitwort von M. Masud R. Khan).
âą Donald W. Winnicott: Reifungsprozesse und fördernde Umwelt. Mit einem Vorwort von M. Masud R. Khan (= Bibliothek der Psychoanalyse). 3. Auflage der unverĂ€nderten Neuauflage 2001 der deutschen Erstausgabe 1974. Psychosozial-Verlag, GieĂen 2020, ISBN 978-3-8379-2983-6 (englisch: The maturational processes and the faciliatating environment. 1965. Ăbersetzt von Gudrun Theusner-Stampa).
Weblinks
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Einzelnachweise
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